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Zum Wandel des Nutzenbegriffs im klassischen Utilitarismus

8 Mai

[Zum Wandel des Nutzenbegriffs im klassischen Utilitarisums]

Zum Wandel des Nutzenbegriffs im klassischen Utilitarismus

Die Natur hat die Menschheit unter die Herrschaft zweier souveräner Gebieter – Leid und Freude gestellt. Es ist an ihnen aufzuzeigen, was wir tun sollen, wie auch zu bestimmen, was wir tun werden.“1

Ausgehend von massiver Kritik gegenüber der ethischen Grundprinzipien des Utilitarismus von Seiten der Common-Sense-Ideologie, die sich hier nur kurz dargestellt findet, versucht sich der Text in einer Klärung der Frage, wie sich der zentrale Begriff des Nutzens innerhalb des Utilitarismus selbst entwickelt hat und infolgedessen die Position, trotz deutlicher Schwächen, bis heute im philosophischen Diskurs ein Thema geblieben ist.

Grundlegend klärt der Text den Aufbau deskriptiver, empirischer Theorien, wie die des Utilitarismus. Wesentlicher Aspekt stellt die grundsätzliche Doppelstruktur dar, bestehend aus zentralen und peripheren Theorieteilen. Der zentrale Teil zeichnet sich durch eine prinzipielle Beständigkeit aus, d.h. einen Kern aus Grundprinzipien, auf die sich das Theoriegebilde stützt. Der periphere Teil gestaltet sich als eine Art „Schutzhülle“ dieses Kerns, welche sich in ständigem Wandel befindet und auf „Angriffe“ auf die Grundprinzipien reagiert bzw. als eine Art „Testbereich“ für potenziell neue Grundprinzipien fungiert (Hilfshypothesen). Dazwischen existieren noch bestimmte „theoretische Terme“ als eine Art Bindeglied, welches nur in Verbindung mit den beiden Theorieteilen funktioniert. Sie gehören den Grundprinzipien an, müssen allerdings durch die Hüllenteile näher bestimmt werden.

Der Utilitarismus stellt als Position keine geschlossene Theorie dar, sondern eine Reihe ethischer Überzeugungen, die das Grundprinzip der Maximierung des kollektiven Gemeinwohls als Richtwert für moralisches Handeln, teilen.

Kritiker am und Debatten um den Utilitarismus sind und waren zahlreich und beziehen sich auf verschiedene Punkte z.B. wegen einer grundsätzlichen Ungerechtigkeit gegenüber einzelnen Individuen, die aufgrund eines potenziellen Mehrwert für eine größere Gruppe, leiden müssen oder die Tatsache, dass keine zukunftsgerichteten Handlungen vorgenommen werden können, da ein Interesse künftiger Generationen nicht abzusehen ist und nur nach Vorstellungen de facto betroffener Individuen gehandelt werden kann (utility and rights-Debatte, future generations-Debatte).

Für den vorliegenden Text besonders relevant zeichnet sich das Problem mit dem Nutzenbegriff, der eine ständige Wandlung und Neuinterpretation von unterschiedlichen Autoren erfuhr, um auf die verschiedenen Angriffe auf den Utilitarismus entsprechend zu reagieren. Angefangen bei Jeremy Bentham, der aus moralisch richtigem Handeln eine Rechenaufgabe machte und eine so genannte „Gefühlsbilanz“ zugrunde legte (Lust minus Schmerzen ergibt den Wert), der hedonistische Kalkül. Die Nutzenwerte aller sind in dem Fall immer gleich viel wert. Für eine, wie auch immer geartete, praktische Anwendung müsste so ein Verfahren zur Messung von Empfindungen entwickelt werden. Ansatzweise von Bentham auch versucht und dargelegt als Faktoren zur Orientierung: Intensität, Dauer, Sicherheit des Eintreffens, zeitliche Nähe, Fruchtbarkeit für Folgeemotionen, Reinheit und Anzahl der betroffenen Personen. Das offensichtliche Problem eines solchen Verfahrens: Es können keine Messwerte für die jeweiligen Faktoren geschaffen werden, weil Empfinden nicht objektiv messbar ist. Bentham führt deshalb das so genannte introspektive Verfahren an, wo das Individuum den Wert subjektiv bestimmen kann. Bei Bentham wird, abgeleitet aus der grundsätzlichen Lustorientierung des Menschen, die entsprechende Motivation, die aus der Empfindung erfolgt, mit dem Maß oder Wert der Empfindung gleichgesetzt. Vereinfacht gesagt, je größer die Emotion desto größer die Reaktion. Dieses Verfahren mutet behavioristisch an, da auf ein mit Notwendigkeit erfolgendes Verhalten geschlossen wird (black box). Die Schwächen von Benthams Nutzenbegriff führten zu einer entsprechenden Modifizierung, um die Theorie an sich gegen Kritiker besser zu verteidigen. Problematisch erweist sich der Begriff bei der Gleichsetzung jeglicher Empfindungen. Obwohl diese Gleichschaltung eben erwähntes Inkommensurabilitätsproblem ausgezeichnet beseitigt, ist sie als solche nicht haltbar und wird im Text sogar als Anomalie innerhalb der Theorie vorgestellt.

Ansetzend an dieser Stelle entwickelt John Stuart Mill den Begriff innerhalb seiner Vorstellungen weiter und trifft eine qualitative Unterscheidung bei der Beurteilung von Empfindungen. Und zwar in moralisch wertvolle und minderwertige Lust. Das größte Glück für die größte Zahl zielt nun nicht mehr auf einen rein quantitativen, sondern erstmals auf einen qualitativen Aspekt ab, was natürlich, das von Bentham so geschickt verbannte, Problem der Vergleichbarkeit auf den Plan ruft. Mill geht, wie Bentham, auch von einer generellen hedonistischen Orientierung des Menschen aus, allerdings fasst er seinen Glücksbegriff etwas komplexer und lässt individuelles Einwirken des Individuums innerhalb des Kalküls zu. Zur Lösung des Problems verschiedene Lust- und Schmerzempfinden miteinander vergleichen zu müssen, obwohl sie nach Mill qualitativ unterschiedlich und eigentlich per Definition nicht vergleichbar sind, versucht Mill die Einführung eines neuen praktischen Verfahrens. Er stützt sich auf ein zu beobachtendes Verhalten von ausgewählten Testpersonen in bestimmten Entscheidungssituationen als Bewertung. Kompetenz beinhaltet hier einen ausreichend großen Erfahrungsschatz in Bezug auf Empfinden. So wird ein individueller Umgang mit Empfindungen berücksichtigt und gleichzeitig wird eine allgemeine Basis geschaffen, von der ausgehend geurteilt werden kann. Mill, welcher grundsätzlich eine staatliche Bevormundung von Individuen ablehnt und sie auf ein Minimalmaß zu beschränken sucht, versucht hier einen Mittelweg zu schaffen, aber zieht sich mehr schlecht als recht aus der Affäre. Das eigentliche Problem ist so im Grunde nicht gelöst und so erfährt der Begriff eine weitere Bearbeitung durch Henry Sidgwick.

Er stellt die Gleichung Benthams in Frage, die die Stärke der Empfindung mit der Stärke der Reaktion gleich setzt und weist auf Gefühle hin, die durchaus stark sind und doch kaum eine Reaktion nach außen hin hervorrufen sowie geringfügige, die sich scheinbar heftig auswirken. Er weist also eine direkte Gleichsetzung von sich. Allerdings verwirft er den Ausgangspunkt nicht völlig und kommt zu neuen praktischen Verfahren, da behavioristische Verfahren nicht weiter bringen und da er den Rückschluss des Verhaltens auf das Empfindungsmaß ablehnt. Dieses sieht so aus, dass auch wenn Empfindungen an sich nicht an Reaktionen messbar sind, so doch an der Motivationskraft von Lust und Schmerz. So muss auf ein introspektives Verfahren zurückgegriffen werden. Der hedonistische Kalkül an sich kann nur angewendet werden, wenn Lust und Schmerz quantitativ abgeschätzt und so verglichen werden können. Einzelne Empfindungen müssen unabhängig von anderen als absoluter Wert existieren und sie müssen vergleichbar, kommensurabel sein. Diese Forderungen stellen sich als problematisch dar: Empfindungen sind wie bereits erwähnt schwer einzuschätzen und müssten bei einer interindividuellen Beurteilung entweder simultan stattfinden (erzeugt werden) oder repräsentiert bzw. erinnert werden. Und hier ist auch die individuelle Empfindsamkeit von entscheidender Bedeutung. Trotz der Schwierigkeiten mit dem introspektiven Verfahren, die auch Sedgwick nicht vollständig zu lösen vermochte, gibt es tendenzielle Richtlinien für ein moralisches Handeln vor, wenn auch keine mathematisch korrekte Handlungsanweisung. Bei Sedgwick vollzieht sich so eine Abkopplung des Nutzenbegriffs vom Begriff des Empfindungsmaß hin zu einer Koppelung mit der Motivationskraft, welche wiederum relativ leicht bestimmt werden kann.

Wie skizziert befand sich der zentrale Nutzenbegriff seit Entstehung der utilitaristischen Position im ständigen Wandel und führte dazu, dass das periphere Theoriegerüst immer wieder verworfen und neu geschaffen wurde oder zumindest in Teilen neu geschaffen wurde und der Utilitarismus als Baustelle nie aus dem philosophischen Diskurs verschwunden ist. Da es sich um ein ethisches Gerüst mit hohem moralischen Anspruch handelt und der „gute Kern“, wenn man so will, es wohl immer wert war ihn zu verteidigen.

Basistext von Ulrich Gähde „Zum Wandel des Nutzenbegriffs im klassischen Utilitarismus“ in: Der klassische Utilitarismus – Einflüsse – Entwicklungen – Folgen / hrsg. von Ulrich Gähde. Berlin : Akad.-Verl., 1992

1 Bentham,Jeremy: „Eine Einführung in die Prinzipien der Moral und Gesetzgebung“ in: Höffe, Otfried: „Einführung in die utilitaristische Ethik. Klassische und Zeitgenössische Texte“. Tübingen: Francke Verlag, 1992, S. 55.

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